{"id":610,"date":"2016-02-01T10:08:46","date_gmt":"2016-02-01T09:08:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.antitecture.org\/freiraum\/?p=610"},"modified":"2016-02-08T02:44:58","modified_gmt":"2016-02-08T01:44:58","slug":"gastbeitrag-001-von-franziska-hederer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.antitecture.org\/freiraum\/?p=610","title":{"rendered":"Gastbeitrag"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung wurden G\u00e4ste aus verschiedenen Fachrichtungen dazu eingeladen einen Gastbeitrag zu dem Thema &#8222;FREI:RAUM&#8220; zu erstellen. Der erste Beitrag stammt von (Assoc.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.) Franziska Hederer. Sie ist Architektin, Raumtheoretikerin, Philosophin und lehrt an der technischen Universit\u00e4t Graz am Institut f\u00fcr Raumgestaltung. (http:\/\/www.raumgestaltung.tugraz.at\/)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Gedanken zum FREI:RAUM von Franziska Hederer<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><strong>Eine Arch\u00e4ologie des Freiraums<\/strong><\/p>\n<p>Architektur beginnt an den Schnittstellen zwischen innen und au\u00dfen, zwischen dem \u00d6ffentlichen und dem Privaten. Sie handelt daher nicht nur von Geb\u00e4uden und wie diese aussehen, sondern auch davon, wie Geb\u00e4ude und Raum zueinander in Beziehung stehen und wie Menschen zum Raum und untereinander in Beziehung treten. Sie stellt Fragen nach den Grenzziehungen und \u00dcberg\u00e4ngen, den Schwellenr\u00e4umen, die das Verh\u00e4ltnis dieser Dualit\u00e4ten letztendlich in gebauter Weise definieren. So werden auch R\u00e4umlichkeiten durch die Begegnung von \u00f6ffentlich und privat sowie von innen und au\u00dfen festgelegt. Die Art und Weise der Begegnungen definiert nicht nur die Qualit\u00e4t der R\u00e4umlichkeiten, sondern ebenso ihre architektonische Form. Je nach Gestaltung unserer Architekturen k\u00f6nnen Beziehungsfelder unterschiedlicher Qualit\u00e4ten hergestellt werden. Streng architektonisch gesprochen, geht es dabei um die Formulierung einer Beziehung zwischen innen und au\u00dfen, zwischen \u00f6ffentlich und privat, zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen mir und meinem Nachbarn. Architektur handelt also davon, eine Beziehung zwischen einander gegen\u00fcberstehenden Positionen herzustellen und diese zu gestalten.<\/p>\n<p>Mit dieser Auffassung zur Architektur tritt das kommunikative Potenzial der Architektur zutage und es stellt sich unmittelbar eine Verbindung zu gesellschaftlichen Fragestellungen des Miteinanderseins ein. So beschreibt auch Peter Sloterdijk in seinem Buch \u201eDer \u00e4sthetische Imperativ\u201c das Haus als <em>\u201eeine plastische Antwort auf die Frage, wie jemand mit jemanden und etwas in etwas zusammen sein kann\u201c<\/em> (Sloterdijk. 2007. S. 260).<\/p>\n<p>Freir\u00e4ume tragen in sich das Potenzial, auf Handlungsbasis genau an der Auslotung dieser Frage anzusetzen, da ihre Grenzlegungen nicht einer exakten oder besser starren Definition unterliegen. Es sind gebaute Orte, die eher ein basisstrukturelles Raumger\u00fcst anbieten oder sich in ein solches einklinken, als bestimmte Inhalte, Nutzungen und Funktionen vorzuschreiben. Freir\u00e4ume unterliegen daher keinem vordefinierten Reglement im Sinne einer Nutzungsbeschreibung. Sie bieten die M\u00f6glichkeit zum freien Agieren und Handeln an der Schnittstelle zwischen innen und au\u00dfen, dem Privaten und dem \u00d6ffentlichen sowie dem Eigenen und dem Fremden. Es sind M\u00f6glichkeitsfelder, in denen eine die \u00fcblichen Raumgrenzen \u00fcberschreitende Dynamik entsteht. <em>\u201eArchitektur darf sich nicht auf den Innenraum verengen, auf eine homogene, kontrollierte Umwelt, die einzig den Komfort der Bewohner im Inneren des Hauses im Blick hat. Ich bin eher an der Erschaffung einer neuen Art von Umwelt interessiert, die das Innere zum Au\u00dfen und das Au\u00dfen zum Inneren macht.\u201c <\/em>(Ishigami. 2012. S. 19)<\/p>\n<p>Bezugnehmend auf eine Auseinandersetzung mit dem Thema Frei:R\u00e4ume ist zu unterscheiden zwischen einem herk\u00f6mmlichen Raumgebrauch, der konkret vorgegebenen Nutzungen folgt, und der Raumaneignung, die auf wahrnehmender und handelnder Ebene der Erschlie\u00dfung nicht nur des physischen Raums, sondern auch des sozialen sowie des geistigen Raums folgt, um sich darin Orientierung schaffen zu k\u00f6nnen. Es geht um r\u00e4umliche Auskundschaftungen, um ein Erforschen von Raumgrenzen und den sich aufspannenden M\u00f6glichkeitsfeldern unter Einbeziehung des Unvorhersehbaren und nicht um das blo\u00dfe In-Besitz-Nehmen eines vorhandenen, vordefinierten Raumgef\u00fcges. Vielmehr ist darin das Bespielen eines Raums gemeint, dem das In-Kontakt-Treten mit dem bestehenden Umfeld eingeschrieben ist. Freir\u00e4ume sind Spielfelder. Erst durch den Akt der Raumaneignung werden diese Felder zum Raum. Das Spielfeld verwandelt sich durch das Spielen selbst zum Freiraum, in dem Entw\u00fcrfe des Handelns und deren Realisation stattfinden. Seine Grenzen sind immer an die Art der Bespielung und die jeweiligen Reglements gekoppelt und damit ver\u00e4nderlich. Allein aufgrund dessen entziehen sich diese Orte unseren gewohnten und gew\u00f6hnlichen Kriterien der Wahrnehmung von Raum, welche immer mit vordefinierten Grenzverh\u00e4ltnissen, mit einer klaren Unterscheidung zwischen innen und au\u00dfen operiert und sich an allgemeinen Wertvorstellungen, welche mit Dauer und Repr\u00e4sentanz verbunden sind, orientiert.<\/p>\n<p>Versteht man Raumaneignung als performativen und gestaltenden Prozess zur Raumerschlie\u00dfung, so ist unsere Wahrnehmung im Speziellen im Bezug auf Freir\u00e4ume gefordert, sich auf ver\u00e4nderbare Grenzverh\u00e4ltnisse einzulassen und selbst andere Kriterien der Raumbewertung wirksam werden zu lassen. Innerhalb dieser Wahrnehmungsweise sind es nicht mehr die Bewertung und Kategorisierung des Raums allein nach seiner materiellen Ausgestaltung in Kriterien wie gut oder schlecht, sch\u00f6n oder h\u00e4sslich, effizient oder nicht effizient, da das, was an einem Ort als sch\u00f6n bewertet wird, andernorts genau gegenteilig aufgefasst werden kann oder als derartige Kategorie gar nicht zur Verf\u00fcgung steht. Im performativen Prozess der Raumaneignung wird der Raum selbst als aktive K\u00f6rper-Umwelt-Interaktion aufgefasst, was uns erm\u00f6glicht, den Raum \u00fcber das Erkennen der jeweiligen M\u00f6glichkeitsfelder, die er aufspannt oder eben auch nicht aufspannt, zu beurteilen und zu deuten. Die Qualit\u00e4t von Freir\u00e4umen wird dahingehend beurteilt, in welcher Gewichtung die M\u00f6glichkeitsfelder zum tats\u00e4chlich M\u00f6glichen stehen und in welche Richtung der Bespielung, insbesondere des sozialen Raums im Sinne von Begenungen, er verweist. R\u00e4ume werden dann nicht mehr in L\u00e4nge mal Breite mal H\u00f6he oder sonstigen definierten Normen gemessen, sondern in verschiedenen Intensit\u00e4ten, die durch unterschiedliche Ereignisdichten sp\u00fcrbar werden. Es ist dies eine Raumauffassung, innerhalb derer sich das Soziale mit dem Gebauten verwebt und damit R\u00e4ume entstehen l\u00e4sst, Innenr\u00e4ume und Au\u00dfenr\u00e4ume, die wie Landschaften ineinander \u00fcbergreifen.<\/p>\n<p><strong>Zur Grenzlegung von Freir\u00e4umen<\/strong><\/p>\n<p>Grenzen sind die R\u00e4nder von R\u00e4umen, so zumindest wird dies bei Wikipedia festgehalten. Das ist, wenngleich eine nachvollziehbare, so aber keine ganz gl\u00fcckliche Behauptung. Sie f\u00fchrt nahezu unweigerlich zu dem Gedanken, der Raum sei eine absolute Kiste, wom\u00f6glich eine betonierte, in der man sich befindet, um nicht zu sagen, in der man, verzweifelnd nach einem Ausgang suchend, umherirrt. Dieses geschlossene Modell des Raums haben wir an sich mit dem Beginn der Neuzeit und der Vorstellung eines unendlichen Universums begonnen zu \u00fcberwinden, mit dem Ergebnis, dass sich in gewisser Weise ein Verlust des Raums einstellte, da wir uns in unserer Vorstellung seiner Grenzen entledigt haben. Um sich aus der Orientierungslosigkeit dieser unendlichen Raumvorstellung zu befreien, ist es heute mehr denn je vonn\u00f6ten, sich den Raum wieder anzueignen, \u00fcber seine Grenzlegungen nachzudenken und Modelle zu entwickeln, die uns M\u00f6glichkeiten und Handlungsraum zur Grenzlegung geben, ohne dass man sich selbst in einer neuen, sagen wir postmittelalterlichen, Kiste gefangen nimmt. Ist von Freir\u00e4umen die Rede, so sind der Raum und damit auch die Architektur keine Kiste oder ein Beh\u00e4ltnis, sondern ein flie\u00dfendes Feld f\u00fcr Begegnungen und Ereignisse.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Grenze von ihrer Entstehung aus, so trifft man auf ein eigenartiges Ph\u00e4nomen, dem ein grundlegender Widerspruch eingeschrieben ist. Als Differenzen festlegende Trennung entsteht sie n\u00e4mlich genau aus ihrem Gegenteil, dem Kontakt. Im Kontakt fallen Verbindendes und Trennendes ineinander und die Grenze ist gleichsam erreicht wie auch \u00fcberwunden. Das Trennende, die eigentliche Grenzziehung, geht also als Resultat des Kontakts hervor, obwohl diesem im Eigentlichen die Grenzaufl\u00f6sung eingeschrieben ist. Es ist daher die Art und Weise des Kontakts entscheidend sowie der Umgang mit diesem, ob Grenzen entstehen oder eben nicht, wie sie gestaltet sind und wie diese Grenzen wirksam werden.<\/p>\n<p>Ein h\u00e4ufig auftretendes Motiv zur Grenzlegung ist neben dem Abstecken von Besitzverh\u00e4ltnissen der Kontakt im Konflikt. Er kommt, um dem Ursprung des Worts gerecht zu werden, einem Zusammensto\u00df gleich. Grenzen entstehen demnach dort, wo Zusammenst\u00f6\u00dfe passieren. Zusammenst\u00f6\u00dfe sind Begegnungen im Aufprall. Unf\u00e4lle gleicherma\u00dfen, oft weder beabsichtigt oder erwartet noch vorhersehbar. Sie sind pl\u00f6tzlich. Laut diesem Gedanken sind Grenzen damit nicht per se vorhanden, sie entstehen unvorhergesehen und werden aus der Pl\u00f6tzlichkeit eines Aufpralls hinterlassen. Das aber ist keine befriedigende Grenzbeschreibung. Nein, es ist eine ungl\u00fcckliche, vor allem dann, wenn die Grenze, wie zuvor erw\u00e4hnt, den Rand eines Raums beschreibt. Der Raum, der sich hier auftut, der des pl\u00f6tzlichen Aufpralls, gewisserma\u00dfen ein Freiraum, ist n\u00e4mlich einer, auf den wir keinen Einfluss nehmen. Wir sind ihm ausgeliefert und m\u00fcssen ihn hinnehmen. Seine Grenzen machen eher Angst, als dass sie uns Orientierung zu geben verm\u00f6gen. Wir versuchen erst gar nicht, an solche Grenzen zu gehen, vermeiden tunlichst Konflikte, h\u00fcten uns vor Zusammenst\u00f6\u00dfen und engagieren uns daher weder f\u00fcr eine Grenzziehung noch f\u00fcr eine Grenzaufl\u00f6sung. Dieses fehlende Engagement an der Grenze, das zugleich ein Engagement am Freiraum bedeutet, ist bezeichnend f\u00fcr unseren R\u00fcckzug, f\u00fcr unsere Eingrenzung in das Private, gepaart mit einem vollkommenen Desinteresse an der \u00d6ffentlichkeit, am Freiraum.<\/p>\n<p>Trotzdem ist der Idee einer unvorhergesehenen, pl\u00f6tzlichen Grenzlegung etwas abzugewinnen, n\u00e4mlich aus ihrer Abenteuerlichkeit heraus, welche zu erfahren ist, sobald man sich darauf einl\u00e4sst. Es liegt diesem Gedanken vision\u00e4rer Charakter zugrunde, von dem aus es sich lohnt, ihn weiterzudenken und nicht sofort zu verwerfen.<\/p>\n<p>Engagement an der Grenze und damit am Freiraum bedeutet, an Kontakten im Sinne von Begegnungen welcher Art auch immer zu arbeiten, sich f\u00fcr den anderen, f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zu interessieren und die Raumgrenzen aus dem eigenen Handeln heraus wahrnehmbar zu machen und notwendigerweise zu definieren. Architektonisch betrachtet, bedeutet dies nicht, Grenzzust\u00e4nde festzulegen, sondern im Entwurf Grenzumst\u00e4nde zu verhandeln. <em>\u201eGib einem Gedanken einen Sto\u00df\u201c, <\/em>schreibt John Cage in seinem \u201eVortrag \u00fcber Nichts?\u201c<em>\u201a \u201eer f\u00e4llt leicht um, aber der Sto\u00dfende und der Gesto\u00dfene erzeugen die Unterhaltung, die man Diskussion nennt.\u201c<\/em> (Cage. 1995. S. 6 ff) Dieser Gedankensto\u00df ist die Grundlage, um dialogische Verh\u00e4ltnisse zwischen den R\u00e4umen des Privaten, des Inneren und einer kollektiven \u00d6ffentlichkeit entstehen zu lassen. Es ist dies ein architektonischer Gedanke.<\/p>\n<p>Aus der Behauptung, dass Grenzen aus einem Aufprall entstehen, geht in jedem Fall hervor, dass es zur Grenzlegung immer eine Mehrzahl braucht, sprich mindestens zwei, da eins mit und an nichts aufprallen und daher auch nicht in die Konfrontation mit Grenzen, zumindest dieser pl\u00f6tzlichen Art, kommen kann. R\u00e4umlich, architektonisch gesehen, ist hier von der Beziehung zwischen \u00f6ffentlich und privat, zwischen innen und au\u00dfen die Rede. Wenngleich auch der Aufprall zwar eine Grenze oder besser eine Grenzsituation wahrnehmbar macht, so muss diese nicht sofort als absolut verstanden werden. Sie ist in ihrer Pl\u00f6tzlichkeit zwar da, aber noch roh und nicht ausformuliert. Es besteht die M\u00f6glichkeit, diese Grenzsituationen zu verhandeln, zu formen und letztendlich als Freir\u00e4ume zu definieren und zu gestalten.<\/p>\n<p>Eine derartige Grenzbetrachtung f\u00fchrt uns weg davon, Grenzen als unverschiebbare, festgelegte Zust\u00e4nde zu begreifen, sondern fordert uns zu einem aktiven Umgang mit dem Thema der Grenze und ihrer Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit heraus. Wir haben es damit nicht mehr mit einem Raum des Vorherbestimmten, sondern mit einem Raum, den ich als einen des Operativen bezeichnen m\u00f6chte, zu tun, einem, der erst aus dem Handlungsmodus heraus entsteht und wahrnehmbar wird. In diesem operativen Raum, der einem Freiraum gleichkommt, gewinnt unser Handeln performativen Charakter. Es werden neue Konstellationen des Miteinanderseins, damit neue Grenzlegungen und neue R\u00e4ume entworfen. M\u00f6glichkeitsfelder werden offengelegt und fordern zum aktiven Raumgebrauch heraus. Ein derartiger Freiraum verf\u00fcgt daher \u00fcber Grenzverh\u00e4ltnisse, die nicht unverr\u00fcckbar sind, sondern einer ver\u00e4nderlichen Dynamik unterliegen, welche performativ sowie situativ wirksam wird.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Architektur der Freir\u00e4ume <\/strong><\/p>\n<p>Ein Grundprinzip von Geb\u00e4uden, die Freir\u00e4ume bieten, ist also die wechselseitige Beziehung zwischen dem Privaten und dem \u00d6ffentlichen und deren Ausgestaltung in Form eines ineinandergreifenden \u00dcbergangs. Nicht die Abschottung von der Umgebung und den NutzerInnen wird forciert, sondern die M\u00f6glichkeit, mit der Umgebung einen Dialog einzugehen, indem sich die Geb\u00e4ude zur Au\u00dfenwelt hin \u00f6ffnen. Es sind nicht Geb\u00e4ude, die einfach funktionsgerecht genutzt oder gar konsumiert werden, sondern solche, die durch den aktiven Austausch der NutzerInnen untereinander sowie der NutzerInnen mit ihrer Umgebung sich st\u00e4ndig neu konfigurieren und M\u00f6glichkeitsfelder der Bespielung aufmachen. Gefragt sind demnach Raumkonzepte und Architekturen, die einen flie\u00dfenden \u00dcbergang zwischen innen und au\u00dfen, gestaffelt in verschiedenen r\u00e4umlichen Intensit\u00e4ten, erm\u00f6glichen und so zum integrativen Bestandteil ihrer gebauten sowie sozialen Umgebung werden. <em>\u201eDas Konzept des Raums als im Fluss befindliche Umwelt erinnert an einen osmotischen Prozess. Statt in sich geschlossen zu bleiben, werden die jeweiligen Bedingungen, die auf beiden Seiten der durchl\u00e4ssigen Grenze herrschen, miteinander verquickt und hybridisiert, so dass die Schwelle hinf\u00e4llig wird.\u201c <\/em>(Angelidou. 2012. S. 37)<\/p>\n<p>StadtbewohnerInnen sind Individuen, welche die Stadt bewohnen und beleben und sich zu eigen machen. Die Bedeutung von Stadt wird nicht nur physisch in ihrer gebauten Materialit\u00e4t verstanden, sondern auch als eine Gemeinschaft der BewohnerInnen. Das Wesen des Individuums ist es, dass es Teil einer verflochtenen Ordnung ist. Es steht im st\u00e4ndigen Austausch mit seiner Umgebung. Umgebung und Individuum bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. So kommt dem Individuum ein \u00f6ffentlicher und dialogischer Charakter zu und es tr\u00e4gt wesentlich zu einer soziokulturellen Entwicklung bei. Ein Haus der Freir\u00e4ume muss demnach das Bewohnen der Stadt gew\u00e4hrleisten. Es muss ein Haus ohne Mauern sein, ein Vorhanghaus wom\u00f6glich, das unterschiedliche Intensit\u00e4ten von Raum herstellt. Der \u00dcbergang zwischen innen und au\u00dfen wird nicht als Grenze im Sinne eines Zauns oder einer Mauer begriffen, sondern als aktiv bespielbarer Schwellenraum. Es ist dies ein Raum, der dazu herausfordert, mit Begegnungen zwischen dem Innen und dem Au\u00dfen, die auch immer wieder mit Konflikten verbunden sind, umzugehen. Diesem Freiraum, der auch als Schwellenraum bezeichnet werden kann, ist ein \u00fcberraschender, nicht strategischer und situativer Gebrauch eingeschrieben. H\u00e4user, die als Freir\u00e4ume konzipiert sind, stellen das Ver\u00e4nderliche dar.<\/p>\n<p>Pate f\u00fcr derartige Raumkonzepte steht die Idee eines Lebens in einer kollektiven \u00d6ffentlichkeit anstelle des abgeschotteten privaten Innenraums. Im Vordergrund dieses Lebensmodells steht nicht das Verlangen nach Privatsph\u00e4re und R\u00fcckzug, sondern ein gemeinschaftlich gestaltetes Zusammenleben. Dazu bedarf es eines Umdenkens hinsichtlich privater Funktionen und eines Verschmelzens dieser mit der Umgebung, mit der Stadt.<\/p>\n<p>Begegnet man so genannten Freir\u00e4umen in unseren Innenst\u00e4dten, so st\u00f6\u00dft man zumeist auf einen \u00fcberdesignten, stark vordefinierten Raum, dem klare Nutzungsvorschriften und damit Grenzlegungen eingeschrieben sind. Nur selten trifft man auf r\u00e4umliche und auch \u00e4sthetische Brachfl\u00e4chen als noch ungenutzte Orte, denen kein vordefiniertes Programm eingeschrieben ist. Diese Orte findet man eher an den Peripherien unserer St\u00e4dte, dort, wo Ver\u00e4nderungen stattfinden. Auch das ist bezeichnend f\u00fcr das Wirksamwerden von Grenzen. Es ist die Peripherie mit ihren oszillierenden Grenzen unserer St\u00e4dte, der das Ver\u00e4nderliche eingeschrieben ist. Das Zentrum ist starr und unbeweglich. Diesem meist \u00fcberdesignten \u00f6ffentlichen Raum des Zentrums t\u00e4ten Orte der Freir\u00e4ume, die oft aus \u00e4sthetischen Brachfl\u00e4chen entstehen, regelrecht gut. Sie w\u00fcrden wirksam werden entgegen einer selbstdesignten Abstumpfung hinsichtlich eines Engagements an der Grenze. Sie machen die Stadt elastisch und beweglich. Indem sie auf eindeutige Grenzlegungen verzichten, werden auch R\u00e4ume nicht festgelegt, sondern regen zur Aneignung an, zu einem Bewohnen der Stadt, indem sich eine lebendige Beziehung zwischen dem Inneren der R\u00e4ume und ihrer Umgebung ereignet.<\/p>\n<p><em>\u201eIch m\u00f6chte das Innere der Architektur so entwerfen, dass sie sich wie Au\u00dfenr\u00e4ume anf\u00fchlen. Es ist eine neue Kategorie, die weder innen noch au\u00dfen ist. Was ich damit bezwecke ist, das Unbekannte, das Unkontrollierbare, das die \u00e4u\u00dfere Umwelt beinhaltet, im Inneren zu aktivieren. Kurz gesagt: Ich m\u00f6chte eine neue Art von Au\u00dfenraum im Geb\u00e4ude schaffen.\u201c <\/em>(Ishigami. 2012. S. 127)<\/p>\n<p>Eine Architektur der Freir\u00e4ume, die Orte der Raumaneignung herstellt, ist nicht eine, die uns blo\u00df in funktionale und funktionierende Kisten verpackt, sondern eine, die uns in eine aktive Beziehung setzt mit unserer Umwelt. Die situative Aneignung von R\u00e4umen ist als Prozess der Gestaltung zu verstehen, in dem Raum als ein Beziehungsgeflecht, als ein Relationsfeld von Dingen und Menschen wirksam wird.<\/p>\n<p><strong>Franziska Hederer im J\u00e4nner 2016<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Angelidou, Ioanna (2012): Streifz\u00fcge durch den st\u00e4dtischen Alltag. In: ARCH+ Zeitschrift f\u00fcr Architektur und St\u00e4dtebau. 45. Jahrgang. August 2012. # 208 TOKIO Die Stadt bewohnen. ARCH+ Verlag GmbH. Berlin\/Aachen.<\/li>\n<li>Cage, John (1995): Silence. Verlag Suhrkamp. Frankfurt a. M.<\/li>\n<li>Fischer-Lichte, Erika (2004): \u00c4sthetik des Performativen. Verlag Suhrkamp. Frankfurt a. M.<\/li>\n<li>Ishigami, Junya. (2012): Das Ende des Anthropischen Prinzips. In: ARCH+ Zeitschrift f\u00fcr Architektur und St\u00e4dtebau. 45. Jahrgang. August 2012. # 208 TOKIO Die Stadt bewohnen. ARCH+ Verlag GmbH. Berlin\/Aachen.<\/li>\n<li>Latour, Bruno (1967): Eine neue Soziologie f\u00fcr eine neue Gesellschaft. Verlag Suhrkamp. Frankfurt a. M.<\/li>\n<li>Sloterdijk, Peter (2007): Der \u00e4sthetische Imperativ. Fundus B\u00fccher Verlag der Kunst. Dresden.<\/li>\n<\/ul>\n<h6>Beitragsbild: Rosensteinstra\u00dfe\/Stuttgart 06.2015, Printschler (\u00d6RBS)<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung wurden G\u00e4ste aus verschiedenen Fachrichtungen dazu eingeladen einen Gastbeitrag zu dem Thema &#8222;FREI:RAUM&#8220; zu erstellen. Der erste Beitrag stammt von (Assoc.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.) Franziska Hederer. 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